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„Rentenkasse reicht nur für wenige Tage“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Frankfurter Neue Presse, 23.11.2007, Nr. 273/62, S. 2

Wir müssen viel länger arbeiten, um das heutige Rentenniveau zu halten, sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Institutes. Dieter Sattler befragte ihn zu dieser These.

Warum müssen wir die Lebensarbeitszeit verlängern, die Rentenkassen sind doch wieder gut gefüllt?

SINN: Die Rentenkasse reicht nur für wenige Tage. Es gibt keinen nennenswerten Kapitalbestand. Das System lebt von der Hand in den Mund. Da die Deutschen nur noch wenige Kinder haben, wird es in dreißig Jahren zu wenig Hände geben, die die alten Menschen zu ernähren. Deswegen müssen die Alten auch ein wenig länger arbeiten. Aber ich bin nicht dafür, dass wir über 67 Jahre hinausgehen.

Sie sagten, streng genommen müsste sogar bis 77 gearbeitet werden, nannten das aber selbst utopisch. Welches Renteneintrittsalter ist politisch durchsetzbar, wenn schon die Rente mit 67 die SPD in eine Zerreißprobe führt?

SINN: Die Zahl 77 ergibt sich rein rechnerisch aus einer Studie der Vereinten Nationen, wenn man unterstellt, dass der Beitragssatz, der anteilige Bundeszuschuss und das relative Rentenniveau auf heutigen Werten fixiert werden. Sie zeigt, wie groß das Problem ist. Neben der schon geplanten Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre müssen wir vor allem das Riester-Sparen verstärken. Erstens müssen alle mitmachen, und nicht nur ein Drittel wie heute. Und zweitens muss die Ersparnis nicht nur auf 4 Prozent des Bruttolohns, sondern auf 6-8 Prozent erhöht werden. Eine Generation kann nur dann im Alter leben, wenn sie entweder Kinder hat oder spart. Eine Generation, die weder das eine noch das andere tut, muss hungern, es sei denn die Chinesen kämen, um zu helfen.

Wenn die Rente mit 67 kommt, wie viel vom Brutto könnte ein heute 40-Jähriger als Rentner erwarten?

SINN: Etwa 40%. Aber die Summe aus offenem Beitragssatz für die Rentenversicherung und verstecktem Beitragssatz in Form der Steuern zur Finanzierung des Teils des Bundeszuschusses, der über die versicherungsfremden Leistungen hinaus geht, würde dann von jetzt 22% des Bruttolohns auf etwa 28% steigen. Das ist für die Arbeitenden zu viel und für Rentner zu wenig.

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