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Hans-Werner Sinn:"Sozialstaat muss seine Bedingungen ändern"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Format, 27.04.2007, Nr. 17, S. 34

Format: Herr Professor Sinn, Sie vertreten in Ihrem Buch „Basarökonomie“ die These, dass sich globale Niedriglohnkonkurrenz und Deutschlands Hochlohnniveau nicht vertragen. Wie viel sollen die Deutschen den Ihrer Ansicht im Monat verdienen?
Sinn: Am liebsten so viel wie ein König, nur zahlt kein Unternehmer so viel, wenn er die Ungarischen und Tschechischen Arbeitnehmer vor der Haustür hat. Löhne müssen durch den Markt, durch das Spiel von Angebot und Nachfrage gebildet werden und sollten nicht von politischer Seite beeinflusst werden. Die deutsche Lohnskala ist im Vergleich zu anderen großen Industrieländern wenig gespreizt, weil der Staat mit seinen Lohnersatzeinkommen wie dem Arbeitslosengeld II oder der Sozialhilfe Mindestlöhne aufgebaut hat. Die Konsequenz war eine Massenarbeitslosigkeit. Deutschland trägt den fragwürdigen Titel, Weltmeister bei der Arbeitslosigkeit der gering Qualifizierten zu sein. So kommt man mit der Globalisierung nicht zurecht.

Format: Wie dann?
Sinn: Indem der Sozialstaat seine Bedingungen ändert. Er sollte nicht mehr so viel für das Wegbleiben vom Arbeitsplatz, sondern mehr für das Mitmachen zahlen. Konkret geht es um individuelle Lohnzuschüsse. Dann sind die Löhne flexibel, es gibt Jobs, und zugleich wird der Lebensstandard gesichert.

Format: Sie schreiben auch, der Konsum sei schädlich für das Wirtschaftswachstum. Wie ist das zu verstehen?
Sinn: Konsum und Investitionen sind Widersprüche. Man kann das Sozialprodukt investieren und so einen Kapitalstock anlegen, oder man kann es konsumieren. Nur die Vergrößerung des Kapitalstocks erzeugt Wachstum. Konsum erzeugt kein Wachstum.

Format: Wie sollen Unternehmen investieren, wenn die Menschen keine Kaufkraft zum Kauf von Produkten haben?
Sinn: Je niedriger der Konsum heute und je höher die Investitionen sind, desto höher wird der Konsum morgen sein. Investitionen sind das Mittel, die Kaufkraft der Massen zu erhöhen. Sie erzeugen selbst in den Zukunft den Konsum, deretwegen sie getätigt werden. Stellen Sie sich vor, welch niedrige Kaufkraft wir heute hätten, wenn die Unternehmer seit dem Krieg nicht investiert hätten. Wir wären alle bettelarm. Je höher die Investitionsquote ist, desto schneller wächst das Volkseinkommen und mit ihm das Lohnniveau und der Konsum.

Format: Kann man Ihre These der „Basarökonomie“ auch auf Österreich übertragen?
Sinn: Natürlich. Das ist ein Prozess, dem alle westlichen Länder unterworfen sind. Die Fertigungstiefe der Produktion nimmt ab, was bedeutet, dass der Prozentsatz der heimischen Wertschöpfung am industriellen Endprodukt zurückgeht.

Format: Glauben Sie, dass sich osteuropäische EU-Länder, aber auch China auf Dauer Umweltstandards und leistungsgerechterer Bezahlung verschließen können?
Sinn: In dem Maße, wie von unseren Firmen Kapital und Wissen in diese Länder fließen, wird sich das Lohnniveau dort erhöhen. Umgekehrt wird das Niveau bei uns unter Druck kommen. Unter optimistischen Bedingungen wird es bis 2030 dauern, bis die Lohnsätze der neuen osteuropäischen EU-Länder 50 Prozent der westdeutschen Lohnsätze erreicht haben.

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