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„2030 sind die Ostlöhne halb so hoch wie hier"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelsblatt.com, 02.05.2007

FRAGEN AN: HANS-WERNER SINN

Kürzlich tobte ein Lohnstreit bei der tschechischen VW-Tochtergesellschaft Skoda - die dortigen Arbeiter wollten ähnlich wie ihre westlichen Kollegen entlohnt werden. Zeigt diese Episode, dass wir die Dynamik der Lohnsteigerungen unterschätzt haben und nun die Quittung bekommen?

Nein, die Entwicklung war absehbar. Dass sich die Löhne in Osteuropa denen im Westen anpassen, folgt aus den Gesetzen der Ökonomie. Wir exportieren Kapital, verlagern Produktionsstätten in Richtung Osten und stellen unser Wissen zur Verfügung. Das erhöht die Nachfrage nach Arbeitskräften und stärkt die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer. Die Folge sind Lohnerhöhungen.

Die aber offenbar schneller gehen als erwartet: Die bei Skoda gefundene Lösung sieht vor, dass die Tariflöhne mit sofortiger Wirkung um zehn Prozent, die Bezüge der Arbeiter einschließlich Bonuszahlungen um fast 13 Prozent steigen.

Wieso "schneller als erwartet"? Sie müssen fünf Prozent Inflation abziehen, dann kommen sie auf eine reale Steigerung von 5 bis 8 Prozent, und das sind keine hohen, sondern eher niedrige Raten. Lassen Sie mich ein Rechenexempel machen. Die Lohnlücke zwischen Westdeutschland und den Ländern, die der EU 2004 beitraten, betrug 2005 etwa sechs Siebtel. Der Durchschnittswert der industriellen Arbeitskosten pro Stunde lag dort nämlich bei gut 4 Euro, während wir auf knapp 28 Euro kamen. Nehmen wir an, dass sich diese Lohnlücke Jahr um Jahr um 2 Prozent ihres jeweiligen Wertes schließt - damit ist die Rate gemeint, die die US-Ökonomen Barro und Sala-i-Martin in empirischen Studien als Normalwert für die Konvergenz ermittelt haben - während die deutschen Löhne real konstant bleiben. Dann werden die Lohnkosten der Ostländer 2030 bei knapp 50 Prozent der westdeutschen Lohnkosten angekommen sein, was gerade so viel ist wie die spanischen und portugiesischen Löhne beim Beitritt dieser Länder waren.

Aber beobachten wir derzeit nicht schnellere Anpassungsprozesse?

Nein. Denn wenn sich die Lohnlücke, die vor zwei Jahren 24 Euro betrug, bei konstanten deutschen Reallöhnen um zwei Prozent schließt, müssen die osteuropäischen Löhne 2007 real um fast zehn Prozent wachsen. Die von Ihnen genannten Zahlen liegen deutlich darunter. Das Rechenexempel setzt zudem konstante Reallöhne in Deutschland voraus. Da die Reallöhne in Wahrheit steigen, müssen die Osteuropäer sogar versuchen, ein sich entfernendes Ziel zu erreichen - und das wird noch schwieriger. Die 2004 beigetretenen Länder werden daher 2030 vermutlich noch nicht bei 50 Prozent der westdeutschen Lohnkosten der Industriearbeiter angekommen sein. Das dauert sicher eine Generation.

Gibt es nicht Regionen, wo es schneller gehen wird?

Klar. Die Rechnung bezieht sich auf Durchschnittswerte. In den industriellen Clustern, in denen sich die Investitionen konzentrieren, wird es sehr viel schneller gehen. Das könnte auch für die Skoda-Werke gelten. Aber umgekehrt wird es in der ungarischen Puszta oder in Ostpreußen länger dauern.

Und China wird Osteuropa als billige Werkbank nicht ersetzen, nur ergänzen?

Ja, beide Regionen entwickeln sich wie in den letzten Jahren auch künftig parallel. Zwischen 2030 und 2040 werden die osteuropäischen Länder und China nach den zitierten Gesetzmäßigkeiten bei der Hälfte unserer Löhne angekommen sein. Auch in China werden die Löhne an der Küste schneller steigen als in dem gewaltigen Hinterland.

Was bleibt dem Westen? Blicken wir nochmal in das Jahr 2030 - welche Folgen hat die geschilderte Entwicklung bis dahin speziell für die deutsche Wirtschaft?

Der rasante Abbau der Arbeitsplätze in der Industrie wird weiter gehen. Ganz Deutschland hat heute 1,3 Millionen Industriearbeitsplätze weniger, als allein Westdeutschland zur Zeit der Vereinigung hatte. Rein rechnerisch gingen nicht nur alle ostdeutschen Industriearbeitsplätze verloren, sondern nochmal 1,3 Millionen. Dieser Prozess wird sich fortsetzen. Auch in dreißig Jahren werden wir zwar noch Firmen im verarbeitenden Gewerbe haben, denn die Industrie ist und bleibt Deutschlands Stärke. Aber die Firmen werden immer mehr mit Robotern produzieren und sich immer weiter zu Industriebasaren verändern, die im Osten vorfabrizierten Teile zusammenschrauben und dann in die Welt verkaufen. Deutschland wird seine Wertschöpfung auch weiterhin ohne viel Arbeit in der Industrie verdienen können.

Wie lässt sich mit wenig Arbeit viel Geld verdienen?

Die deutsche Exportindustrie wird immer wettbewerbsfähiger, die Exportmengen schießen hoch, und es werden immer mehr Einkommen im Export verdient. Die Wertschöpfung um Export entwickelt sich gerade wegen der Entwicklung zur Basarökonomie besonders stürmisch. Eine Basarökonomie verdient ihr Geld im Export statt in der Binnenwirtschaft.

Wo sehen Sie dann das Problem?

Bei der Beschäftigung. In den Endstufen der Produktion, die in Deutschland bleiben, wird mit hohem Einsatz von Kapital und technologischem Wissen produziert, aber die einfachen Arbeiter werden nicht mehr benötigt. Deshalb geht die Industriebeschäftigung so überaus rasch zurück. Selbst im letzten Jahr, als alles boomte, fiel sie etwas. In diesem Jahr mag sie erstmals wieder etwas steigen. Das wird aber nichts an dem negativen Trend ändern, der uns schon sehr lange begleitet.

Und die Beschäftigten der Industrie bleiben auf der Strecke. Was tun?

Für sie müssen wir in den Dienstleistungssektoren Ersatz schaffen. Seit 1995 wanderten die freigesetzten Industriearbeiter vornehmlich in den Sozialstaat, denn im Rest der Wirtschaft sind per Saldo nur ganz wenige Stellen entstanden. Mit dem Konjunkturaufschwung hat sich die Sachlage aber spürbar verbessert. Hoffentlich wächst sich der starke Beschäftigungszuwachs in den Dienstleistungssektoren, den wir im Jahr 2006 beobachten konnten, zu einem neuem Trend aus, der auch dann anhält, wenn sich die derzeit überschäumende Exportkonjunktur wieder beruhigt.

Eine gekürzte Fassung des Interviews wurde im Handelsblatt vom 02.05.2007 (Nr. 84, S. 6) veröffentlicht.

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