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Verlängerung der Arbeitszeiten wichtig für Wachstum

Interview mit Hans-Werner Sinn, iv-Positionen, 01.02.2006

Deutschland ist als Handelspartner für Österreich besonders wichtig. Warum wächst Deutschlands Wirtschaft so langsam, jene Österreichs aber in Relation dazu schneller?

Sinn: Zum einen ist hier der liberalere Grundansatz in der Wirtschaftspolitik zu nennen. Denken Sie nur an das strengere Bankgeheimnis oder die niedrigeren Steuern auf Kapitaleinkommen. Wichtig ist aber auch die Tatsache, dass die Österreicher weniger anspruchsvoll sind als die Deutschen. Über Jahrzehnte war das Bruttosozialprodukt (BSP) in Österreich niedriger als in Deutschland, daher sind und waren die Löhne in Österreich niedriger. Davon profitiert Österreich heute im internationalen Wettbewerb, insbesondere im Bezug auf die Expansion in den Wachstumsmärkten in Osteuropa.

Sehen Sie einen Vorteil Österreichs gegenüber Deutschland bei der Bedienung der süd- und osteuropäischen Wachstumsmärkte?

Sinn: Der größte Vorteil Österreichs gegenüber Deutschland ist sicher die gemeinsame Vergangenheit aus der Zeit der Monarchie. Man kennt die Kultur und spricht in vielerlei Hinsicht die gleiche Sprache.
Österreich ist außerdem – wie bereits erwähnt - attraktiver als Deutschland was die Löhne betrifft. Auch viele österreichische Produkte und Dienstleistungen sind zu niedrigeren Preisen als in Deutschland zu bekommen.
Daher können österreichische Firmen gegen die Konkurrenz in Osteuropa leichter bestehen und dort erfolgreicher expandieren. Dies bedeutet einen Vorteil bei der Anpassung an die Osteuropäischen Verhältnisse. Die Integration Ostdeutschlands war bisher kein sehr wichtiger Grund für die relativ schwache Performance Deutschlands in Osteuropa im Vergleich zu Österreich – was nicht heißt, dass die Integration kein Problem war. Nur haben wir die Lasten der deutschen Vereinigung bislang auf Pump finanziert. Irgendwann werden die Steuern kräftig erhöht werden müssen. Spätestens dann wird auch die Integration Ostdeutschlands zu einer Bremse des deutschen Wachstums und der wirtschaftlichen Expansion Deutschlands werden.

In Österreich wird derzeit eine Debatte über die Flexibilisierung der Arbeitszeiten geführt und von der Industrie forciert. Was raten sie Österreich und Deutschland in diesem Zusammenhang? Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht flexiblere Arbeitszeiten für Wachstum und Beschäftigung?

Sinn: Flexiblere Arbeitszeiten sind wichtig im Bezug auf Wachstum und Beschäftigung. Genauso wichtig ist aber die Verlängerung der Regelarbeitszeit. Es geht also um eine Flexibilisierung auf höherem Niveau. Das hat den Vorteil, dass mit der längeren Arbeitszeit auch die tägliche Kapitalnutzungszeit verbessert wird, was erhebliche Produktivitätsreserven aktivieren kann. Für Deutschland würde ich zudem eine Erhöhung der Arbeitszeiten bei gleichem Monatslohn vorschlagen, um auf diese Wiese die Produktivität der Arbeiter zu erhöhen, ohne dass sie deshalb mehr kosten. Das wird wie jede Produktivitätserhöhung segensreiche Wirkungen haben.

Was ist aus Ihrer Sicht die Rolle der produzierenden Industrie im Bezug auf das Funktionieren eines Wirtschaftsstandortes?

Sinn: Die produzierende Industrie ist vor allem für Deutschland und Österreich besonders wichtig. Beide Länder waren nie klassische Dienstleistungsländer, wie es beispielsweise Großbritannien heute ist. Deutschland und Österreich haben heute auch keine Chance und Möglichkeit Großbritannien zu imitieren, denn wir sprechen nun einmal nicht so gut englisch. Bei den Finanzdienstleistungen werden die Engländer immer die Nase vorn haben.

Gibt es Ihrer Ansicht nach weiterhin primär nationale Wirtschaftsstandorte oder werden in Hinkunft grenzüberschreitende Wirtschaftsregionen noch bedeutender werden?

Sinn: Grenzüberschreitende Wirtschaftsregionen werden sicher immer wichtiger werden. Die wirtschaftliche Öffnung der Grenzen, die durch die EU ermöglicht wird, führt diese Entwicklung zwangsläufig herbei. Daher sehen wir auch in Deutschland immer mehr, dass z. B. Branchenanalysen auf rein nationaler Ebene oft keinen Sinn mehr haben.

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