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“Jedem eine Arbeit anbieten“

Interview mit Hans-Werner Sinn, Südkurier, 31.10.2006, Nr. 252, S. 5

Wie Deutschlands bekanntester Ökonom sein Land zurück zur Vollbeschäftigung bringen will

Andere würden sich jetzt lieber in aller Ruhe vorbereiten. Sich entspannen und konzentrieren wollen. Um später wenn der Vortrag beginnt, topfit zu sein. In einer dreiviertel Stunde wird er in der Altana-Kantine in Singen zum Thema „Ist die industrielle Arbeit in Deutschland noch zu retten?“ sprechen. Singen-aktiv, die Standortmarketinggesellschaft der Hegau-Gemeinde, hat ihn eingeladen. Zuvor gibt er schnell ein Interview. Für Sinn ist das kein Problem. Er hat Routine. Kein anderer deutscher Ökonom wird in der Presse häufiger zitiert als der Chef des Münchner Ifo-Instituts.

F: Herr Professor Sinn, Wirtschaftsprofessoren wie Sie gehören nicht zu den am schlechtesten bezahlten Menschen in Deutschland. Dennoch verdient mancher Vorstandsvorsitzende 50 Mal so viel und mehr. Finden Sie das gerecht?

A: Nein, aber wir leben in einer Marktwirtschaft. Da sind Löhne nie gerecht, sondern orientieren sich an Knappheitsverhältnissen.

F: Und Top-Manager sind knapp?

A: Ja, äußerst knapp. Ein guter Manager eines großen Unternehmens kann im Vergleich zu einem weniger guten pro Jahr gut und gerne ein paar hundert Millionen Euro zusätzlich einbringen. Deswegen ist er den Eigentümern das viele Geld wert. Die Manager-Gehälter sind allerdings eher niedriger als die Gehälter von Top-Fußballspielern oder gar Top-Rennfahrern.

F: Sind hohen Manager-Gehälter aber nicht vielmehr auch eine Folge unguter Unternehmensverflechtungen? Der Aufsichtsrat genehmigt dem Vorstand eine Gehaltssteigerung, weil dieser Aufsichtsrat woanders selbst Vorstand ist. Die eine Hand wäscht also die andere. Sollten deshalb bei Aktiengesellschaften nicht besser die Hauptversammlung die Gehälter festlegen, wie es etwa in England üblich ist?

A: Auch in Deutschland billigt die Hauptversammlung üblicherweise die Gehälter der Vorstände, aber das macht keinen besonderen Unterschied. In Hauptversammlungen wie im Aufsichtsrat haben nicht die Klein-, sondern die Großaktionäre das Sagen. Es läuft also auf dasselbe hinaus. Ein gegenseitiges Hochschaukeln der Gehälter mag in dem einen oder anderen Fall stattgefunden haben.

F: Also verdienen viele Spitzenmanager doch zu viel?

A: Zu viel im Verhältnis zu was? Ich sagte schon, dass die Marktwirtschaft nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Knappheit entlohnt. Die deutschen Bezüge sind aus Sicht von Otto Normalverbraucher hoch, im Vergleich zu den USA und den angelsächsischen Ländern aber eher bescheiden.

F: Aber im Fall von Siemens immer noch zu hoch? Schließlich hat man Trends in der Mobilfunktechnik verschlafen, die Handy8sparte dann an BenQ verkauft und jetzt verlieren Tausende in Deutschland ihren Arbeitsplatz.

A: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Dass im Vorhinein bessere Entscheidungen hätten gefällt werden können, kann jetzt leicht behauptet werden. Je ferner man dem Unternehmen steht, desto einfacher tut man sich damit. Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass es bei Siemens Managementfehler gab. Das ist mir zu billig.

F: Fest steht: Arbeitsplätze in der Industrie gehen hierzulande stetig verloren. Was ist der Grund?

A: Die massive internationale Lohnkonkurrenz. Wir haben vor unserer Haustüre eine Menge Niedriglohnländer, nämlich in Osteuropa. Außerdem gibt es China. In den ex-kommunistischen Ländern wohnen 28 Prozent der Weltbevölkerung. Diese Menschen bieten sich dem internationalen Kapital als Standortalternative an. Und das Kapital geht gerne hin. Konkret heißt das: Unternehmen verlagern arbeitsintensive Produktion in diese Billiglohnländern und machen dadurch ordentliche Gewinne.

F: Schlecht für deutsche Industriearbeiter.

A: So ist es. Aber wer weiß, ohne die Verlagerungsmöglichkeiten ginge vielleicht noch mehr verloren. Hätte etwa die deutsche Automobilindustrie nicht die Möglichkeit, Vorleistungen aus Osteuropa zu beziehen, wäre sie gegenüber den Japanern vermutlich gar nicht mehr konkurrenzfähig.

F: Das ändert aber nichts daran, dass die Zahl der Industriearbeitsplätze hierzulande abnimmt.

A: Keine Frage: Viele Firmen sanieren sich, indem sie Leute entlassen, und die finden woanders keine neue Stelle. In den letzten zehn Jahren sind in Deutschland im Saldo 1,2 Millionen Industriejobs verloren gegangen und im Rest der Wirtschaft hat die Zahl der echten Arbeitsplätze nicht zugenommen. Es gibt also de facto eine Abwanderung aus der Industrie in den Sozialstaat.

F: Würden die Unternehmen nicht entlassen, gäbe es weniger Arbeitslose.

A: Das ist natürlich immer richtig, aber was heißt das schon? Die Manager müssen nach den Regeln des Kapitalismus handeln und den Gewinn maximieren. Sonst kriegen sie Ärger mit ihren Aktionären und werden durch andere Manager ersetzt. Der Kern des Problems ist: Die Einkommensunterschiede zwischen den deutschen Arbeitnehmern und den Konkurrenzländern sind gigantisch hoch. Es hilft alles nichts, unser Leben wird unangenehmer.

F: Was kann man tun?

A: Man hat prinzipiell fünf Möglichkeiten zur Auswahl. Die erste ist wenig praktikabel, nämlich die Einkommen der einfachen Arbeiter in Deutschland soweit fallen zu lassen, bis die Konkurrenzfähigkeit wieder hergestellt ist. Das widerspricht unseren Gerechtigkeitsvorstellungen und würde unsere Gesellschaft destabilisieren.

F: Bleiben noch vier.

A: Die zweite Möglichkeit: Bessere Bildung, wodurch wir auch bessere Arbeitnehmer bekommen, die so ihre höheren Löhne rechtfertigen können. Das hilft, ist aber eine Strategie, die erst auf lange Sicht erfolgreich ist. Drittens: Wir bauen Schranken in die Löhne ein, die ein Absacken verhindern. Durch gesetzliche oder tariflich festgelegte Mindestlöhne etwa, auch durch den Sozialstaat, der den Menschen Lohnersatzleistungen statt Arbeit bietet. So müssen sie keine niedrigen Löhne akzeptieren.

F: Das verursacht aber Arbeitslosigkeit.

A: Ja, der deutsche Weg eben: Wachsende Massenarbeitslosigkeit, die finanziell kaum mehr beherrschbar ist.

F: Keine schöne Lösung. Bleiben noch zwei.

A: Die vierte ist der skandinavische Weg. Dort werden die Menschen, die zu unseren Vorstellungen vom gerechten Lohn keinen Job mehr finden, vom Staat aufgenommen. Der schafft Jobs zu höheren Löhnen. Die negative Folge: Die Staatsquote steigt, und die Sache wird extrem teuer für den Bürger.

F: Die letzte Möglichkeit, bitte.

A: Die Bezuschussung von Löhnen. Das favorisiere ich, weil ich glaube, dass der private Sektor letztlich besser über sinnvolle Beschäftigung entscheiden kann als der Staat. Ich schlage vor, auf breiter Fläche einen bezuschussten Niedriglohnsektor einzurichten. Der große Vorteil: keine Arbeitslosigkeit und der Kuchen, den es zu verteilen gibt, wächst, weil mehr Menschen zum Bruttosozialprodukt beitragen.

F: Wie würde diese Möglichkeit in der Praxis aussehen?

A: Der Sachverständigenrat zum Beispiel hat vorgeschlagen, für jene, die nicht arbeiten, die Unterstützung durch Hartz IV zu senken, und für jene die arbeiten, die Hinzuverdienstmöglichkeiten zu erhöhen. In der Summe würde der Sozialstaat nicht weniger ausgeben. Von einem Sozialabbau könnte keine Rede sein.

F: Aber was ist mit denen, die keine Arbeit finden?

A: Jedem muss eine Arbeit angeboten werden. Die Gemeinden müssen verpflichtet werden, jedem Arbeitslosen einen Job anzubieten und ihm einen Lohn in Höhe des jetzigen Arbeitslosengeldes II zu bezahlen.

F: Das ist auch nicht viel.

A: Man kann davon leben. Heute bekommt eine vierköpfige Familie etwa 1600 Euro, und zwar netto! Da sind die Sachbeihilfen wie ein Kühlschrank noch gar nicht mit dabei. Und das Ganze zu der Bedingung, dass keiner arbeitet. Tut das einer, werden die Leistungen gekürzt. Was der Staat vielmehr sagen sollte: Die 1600 Euro bekommt ihr, wenn acht Stunden am Tag dafür gearbeitet wird. Was es also braucht: Zur Gewährung der Sozialleistung muss als Gegenleistung eine Arbeitsleistung eingefordert werden.

F: Und wenn eine Kommune keine Arbeit anbieten kann? A: Dann muss sie trotzdem zahlen. Wir können ja nicht zulassen, dass der Lebensstandard der Menschen unter das jetzige Niveau rutscht. Aber die Kommune kann Leiharbeitsverhältnisse begründen, indem sie eine Zeitarbeitsfirma mit einschaltet, die die Arbeitsleistung gegen Honorar in der privaten Wirtschaft anbietet.

F: Angenommen die Politik würde diese Regelungen umsetzen: Wie viele Menschen würden dann zusätzlich arbeiten?

A: Nach der Einschätzung unseres Ifo-Instituts: mittel- bis längerfristig gut 3 Millionen. Ganz langfristig würden wir sogar zur Vollbeschäftigung zurückkehren.

Das Gespräch führte Johannes Eber

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