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"Die Löhne müssen nachgeben"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Focus, 07.03.2005

Focus: In Deutschland suchen mehr als 5,2 Millionen Menschen einen Job, aber Firmen verlagern Tausende Stellen ins Ausland. Wie können wir mit Löhnen konkurrieren, die wie im Baltikum fast zehnmal niedriger sind als hierzulande?

Sinn: Wer behauptet, dass wir gar nicht konkurrieren können, ist bereit, den Untergang hinzunehmen. Wir müssen an allen Rädern drehen, um wettbewerbsfähig zu sein. Wir müssen besser werden, indem wir immer weiter lernen und das Schulsystem reformieren. Wir müssen auch billiger werden. Die Globalisierung beschert uns einen weltweiten Arbeitsmarkt. Da nähern sich wie in einem System kommunizierender Röhren die Wasserstände, sprich Löhne, aneinander an.

Focus: Wie rasch passen sich die Gehälter in Osteuropa an das Westniveau an?

Sinn: Wir rechnen damit, dass in einer Generation, also etwa 2030, die durchschnittlichen Lohnkosten 50 Prozent des westdeutschen Niveaus erreichen, also etwa so hoch sind wie in Spanien und Portugal vor dem EU-Beitritt.

Focus: Für eine Entlastung des deutschen Arbeitsmarkts reicht das nicht. Wie stark müssten die Löhne bei uns sinken, damit Jobs entstehen?

Sinn: Die deutschen Stundenlohnkosten für industrielle Arbeit liegen bei 27 Euro. Briten und Franzosen arbeiten für etwa 20 Euro. Da kann sich jeder selbst ausrechnen, wie es um uns steht.

Focus: Ist eine Korrektur der Lohnstrukturen wahrscheinlich?

Sinn: Nein, das ist unser Problem. Ich halte es deshalb für realistischer, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.

Focus: Beweist nicht der starke Export, dass wir auch so zurechtkommen?

Sinn: Hinter dem Exporterfolg stehen viele importierte Vorprodukte. Wir entwickeln uns zu einer Basarökonomie, die im osteuropäischen Hinterland produzieren lässt, die vorfabrizierten Teile zusammenfügt und mit relativ wenig zusätzlicher Wertschöpfung weiterverkauft.

Focus: Und dafür brauchen wir immer weniger Menschen?

Sinn: Richtig. Um die Beschäftigung zu halten, müssten außerhalb der Industrie neue Jobs entstehen. Das ist praktisch nicht der Fall. Überall produzieren Firmen immer kapitalintensiver und verzichten auf Arbeitskräfte bei der Produktion. Und das alles wird hervorgerufen durch Lohnstrukturen, die bis zum Fall des Eisernen Vorhangs noch okay waren, zum Niedriglohnwettbewerb mit Osteuropa und Asien aber nicht mehr passen.

Focus: Ist denn die Lohnhöhe wirklich der alles entscheidende Faktor?

Sinn: Lohnkosten sind die einzigen standortrelevanten Kosten von Belang. Kapitalkosten sind durch den einheitlichen Kapitalmarkt überall gleich, importierte Vorprodukte sind ebenfalls für alle Länder gleich teuer. Die Kosten heimischer Vorprodukte sind selbst wieder deutsche Lohnkosten.

Focus: Helfen uns wenigstens die viel zitierten Standortvorteile?

Sinn: Wir haben immer noch ein hervorragendes Rechtssystem, das private Verträge ermöglicht und schützt, Verkehrsnetz, Energieversorgung, die zentrale Lage im Herzen Europas, die Transportkosten klein hält. Es gibt noch viele Vorteile, die höhere Löhne rechtfertigen - aber eben nicht so viel höhere.

Focus: Könnten wir nicht einfach die Globalisierung wieder zurückdrehen?

Sinn: Wir haben ein Weithandelsabkommen, das wir nicht brechen können. Wir würden uns aber auch ins eigene Fleisch schneiden, weil wir dann unsere Handelsgewinne verlieren. In dem Maß, wie die Gehälter unter Druck geraten, steigen die Gewinne. Es gibt nur eine Umverteilung. Die wird zwar verständlicherweise beklagt. Dennoch wird der Kuchen nicht kleiner, sondern größer, wenn wir es richtig anstellen. Zunächst profitieren die Unternehmer statt der Arbeite Aber Finnen werden in Deutschland neue Stellen schaffen, wenn sie glauben, dass sie ihre Gewinne dadurch vergrößern können. Dann profitieren auch die Arbeiter. Den Arbeitern geht es nur gut, wenn es den Unternehmen gut geht. Wer die Firmen vergrault, schädigt sich selbst. Er geht den Weg in die Armut.

Focus: Was lässt sich denn konkret gegen den Job-Exodus unternehmen?

Sinn: Wir haben die Wahl zwischen zwei Übeln: chaotische Verhältnisse, die sich mit weiter zunehmender Massenarbeitslosigkeit einstellen. Oder nachgebende Löhne, was für viele möglicher weise fallende Einkommen bedeutet.

Focus: Wie sollen dann Geringverdiener ihren Lebensunterhalt bestreiten?

Sinn: Für sie müsste die Senkung durch staatliche Zuschüsse abgefedert werden, damit nur der Lohn, nicht aber das Einkommen fällt. Das kann geschehen, indem beim Arbeitslosengeld I die Hinzuverdienstmöglichkeiten verbessert werden. Wer heute einen Nebenjob annimmt, muss - je nachdem, wie viel er arbeitet - einen Bruttolohn zwischen 25 und 45 Euro erreichen, damit er netto fünf Euro in der Stunde verdient.

Focus: .. solche Jobs bietet keiner.

Sinn: Stimmt. Man müsste Hartz V so konstruieren, dass ALG II ein Lohnzuschuss wird, den man nur dann in voller Höhe erhält, wenn man arbeitet. Dann fallen die Lohnansprüche, und es gibt neue Jobs. Wer dennoch nichts findet, muss vorn Staat zumindest einen 1-Euro-Job angeboten bekommen. Zusammen mit dem Lohn daraus und A1G II wird sich der Lebensstandard halten lassen.

Focus: Was soll der Staat mit all den 1- Euro-Jobbern Sinnvolles machen?

Sinn: Sie meistbietend als Leiharbeiter der privaten Wirtschaft anbieten.

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