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Das Buch provoziert

Interview mit Hans-Werner Sinn, Manager Magazin, 12/2005

Interview: Über Hans-Werner Sinns neues Buch wird heftig gestritten. "Das habe ich gewollt", sagt der Ifo-Chef.

Herr Professor Sinn, die ersten Kritiken zu Ihrem neuen Buch sind ziemlich barsch. Hat Sie der Ton überrascht?

SINN: Dass das Buch von denjenigen. deren veröffentlichte Meinung ich kritisiere, nicht freundlich aufgenommen würde, habe ich erwartet. Die Angegriffenen wehren sich.

Sie meinen die Gewerkschaften?

SINN: Auch die. Sie klammern sich an den Keynesianismus und verbreiten Hurrageschrei über die Exporterfolge. Damit glauben sie, schmerzhafte Reformen vermeiden zu können.

Das Buch ist schart im Ton - offenkundig wollen Sie provozieren.

SINN: Ja, sicher. Es ist eine Streitschrift, die fest auf der Außenhandelslehre fußt und gerade deshalb provoziert.

Viele Gedanken finden sich schon in Ihrem Bestseller "Ist Deutschland noch zu retten?" von 2003. Warum noch ein Buch zum Thema?

SINN: Der Kern des aktuellen Buchs ist neu - meine These vorn pathologischen Exportboom. Kurz gesagt lautet die Argumentation wie folgt: Weil wir die Lohnkosten gegen den Niedriglohnwettbewerb künstlich hochhalten, gehen hier zu Lande arbeitsintensive Branchen kaputt. Die dort beschäftigten Produktionsfaktoren - Menschen und Kapital - werden zum Teil in den hochproduktiven Exportsektor gedrängt. weil man dort noch am ehesten mit den hohen Löhnen zurechtkommt. Die kapitalintensiven Exportsektoren beschäftigen aber nur einen Teil der freigesetzten Menschen. Und ein Teil des Kapitals wandert ins Ausland ab. Das Land hat einen hohen Exportüberschuss, das Wachstum lahmt, und die Arbeitslosigkeit steigt, und das alles wegen der zu hohen Löhne. Aus hohen Exporten zu schließen, der Volkswirtschaft gehe es gut, ist ein fataler Fehlschluss.

Der von ihnen kreierte Begriff "Basar-Ökonomie" ist hochgradig umstritten. Er klingt, als wenn nur die Industrie echte Werte schafft.

SINN: Natürlich sind gerade auch die Dienstleistungen und die Basar-Tätigkeiten selbst wertvoll. Doch werden wir damit die Beschäftigung nicht halten können. Deutschland hat sich bislang auf die Industrieproduktion spezialisiert. Wenn die weiterhin so dramatisch zurückgeht, ohne dass in den anderen Sektoren der Wirtschaft Ersatz geschaffen wird, haben wir ein ernsthaftes Problem.

Trotzdem: "Basar" hat einen negativen Beiklang. Nach dem Mono: Dienstleistungen schaffen keine Werte.

SINN: Ich sage nicht, dass die Entwicklung zur Basar-Ökonomie an sich schlecht ist. Sie ist nur wegen der hohen und starren Löhne übertrieben. Wir sind das Land. wo sich der Industriebasar der Welt befindet. Drei Viertel der 20 größten Messen der Welt finden in Deutschland statt. Früher hatten die hiesigen Arbeiter eine Monopolposition bei der Belieferung dieses Basars, aber mit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sie diese Position verloren. Die deutschen Firmen bleiben wettbewerbsfähig, weil sie immer mehr Vorleistungen im Ausland erzeugen lassen. Aber die Industriebeschäftigung bricht weg, schneller als in jedem anderen entwickelten Land.

Ist der Eindruck richtig, dass Sie die Frage "Ist Deutschland noch zu retten?" heute mit Nein beantworten?

SINN: Das sehen sie falsch. Das letzte Kapitel legt dar, wie Deutschland "mit dem Wind segeln" kann: Wir brauchen eine Neuorientierung des Sozialstaats. Statt mit Lohnersatzleistungen die Löhne hochzuhalten und immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit zu treiben, muss der Staat Niedrigverdiener unterstützen. Mir geht es um die Wettbewerbsfähigkeit der Menschen, der einfachen Arbeiter. Denen muss man helfen. Das ist mein Punkt. Meine Kritiker ignorieren das.

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