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"Mehr Arbeit schafft Jobs"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Neue Westfälische, 15.11.2004

INTERVIEW: Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institutes

Bielefeld. Der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn fordert im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Deutschen mehr arbeiten müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Mit Sinn sprach Ralf Müller.

Herr Sinn, ist die Debatte um Arbeitszeitverlängerung zielführend mit Blick auf Wachstum und Beschäftigung?

HANS-WERNER SINN: Ja, das Ziel ließe sich einfach erreichen, wenn wir die Arbeitszeit ein bißchen verlängern würden. Wenn wir zehn Prozent länger arbeiteten, also von 38 auf 42 Stunden pro Woche gingen, entspräche dies etwa 20 bis 30 Feiertagen. So viel haben wir gar nicht. Die Streichung eines Feiertages ist ein schmerzlicher Beitrag, der nicht viel bringt. Die Verlängerung der Arbeitszeit wird wahrscheinlich auf viel weniger Widerstand stoßen und hat zudem einen viel größeren Effekt.

Bundesfinanzminister Eichel hat den Wachstums-Beitrag durch die Streichung eines Feiertages mit 0,1 Prozent beziffert. Eine Milchmädchenrechnung?

SINN: Das ist keine Milchmädchenrechnung, nur eine sehr vorsichtige Rechnung. Ich glaube, der Effekt liegt bei einem Feiertag wie dem 3. Oktober langfristig eher im Bereich von einem Drittel Prozent. Nur kann man langfristig eben bis zu zehn Prozent zusätzliches Wirtschaftswachstum nur erreichen, wenn man zehn Prozent länger arbeitet. Das ist eine ganz andere Größenordnung.

Gegen Mehrarbeit wird angeführt, dies würde nur zu noch mehr Arbeitsplatzabbau führen, weil weniger Beschäftigte benötigt würden.

SINN: Wer so argumentiert, muss auch die Ansicht vertreten, dass technischer Fortschritt, der die Arbeit produktiver macht, Arbeitsplatzabbau bedeutet. Beides hat exakt die gleichen Wirkungen im Wirtschaftsablauf.

Wäre denn eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche sinnvoll und was würde dies an Wachstum bringen?

SINN: Das Sozialprodukt wäre nach einer gewissen Anpassungsphase dauerhaft um drei bis fünf Prozent höher als ohne.

Schon in den neuen EU-Ländern sind die Arbeitskosten aber weitaus niedriger. Bringen denn fünf Prozent Mehrarbeit in Deutschland überhaupt etwas?

SINN: Sie haben Recht, das ist noch zu wenig. Aber wir müssen nicht auf das tschechische oder polnische Lohnniveau kommen, weil die Arbeit in Deutschland noch sehr viel produktiver ist. Man kann um soviel teurer sein wie man besser ist. Aber wenn man sieben Mal so teuer ist, müsste man sieben Mal so gut sein. Das sind wir nicht.

Zum ersten Mal ist das Thema Mehrarbeit von einem maßgeblichen SPD-Politiker, nämlich von Hans Eichel, angestoßen worden. Glauben Sie, dass jetzt Bewegung in dieses Thema kommt?

SINN: Ja. Alle Vernünftigen sehen ein, dass dies der Weg ist, den man gehen muss.

Sie haben kürzlich gesagt, es entstehen im Dienstleistungsbereich nicht schnell genug neue Arbeitsplätze. Wie würde sich eine Arbeitszeitverlängerung auf dieses Problem auswirken?

SINN: Wir haben im produzierenden Gewerbe ohne Bau einen großen Rückgang an Arbeitszeit. In der übrigen Wirtschaft entsteht nur etwa ein Siebtel neu. Der Rest der nicht mehr benötigten Arbeitsstunden geht in die Arbeitslosigkeit. Das liegt daran, dass die deutschen Lohnkosten zu hoch sind. Wenn wir die Löhne senken, verlangsamt sich der Prozess. Dann wird es nicht mehr soviel Outsorcing geben. Mehr Unternehmen bleiben mit ihren Produktionsstätten in Deutschland.

Wie kann man überhaupt die Löhne senken?

SINN: Nochmal: Pro Stunde vor allem durch Mehrarbeit für das gleiche Geld. Außerdem kann man die Tarifvereinbarungen ändern und die Aufgaben des Sozialstaates verringern, so dass weniger Lohnzusatzkosten anfallen. Dies bedeutet aber, dass der Staat den Gürtel enger schnallen muss. Immerhin leben über 40 Prozent der Wähler in Deutschland von Sozialtransfers einschließlich Renten und Pensionen. Die müssten Einschnitte hinnehmen

 

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