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"Wir müssen wesentlich mehr arbeiten"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Leipziger Volkszeitung, 19.08.2004

Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, über Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Löhne

München. Eine Verlängerung der Arbeitszeit in Deutschland hält Hans-Werner Sinn für dringend geboten. Denn das "bedeutet eine fünfprozentige Reduzierung der Lohnkosten pro Stunde. Ferner entsteht auch ein Wachstumsschwung, der die Nach frage erhöht", meint der Präsident. des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, im Interview.

Frage: Für 2004 hat Ihr Institut 1,7 Prozent Wachstum prognostiziert. Das reicht aber nicht aus, um Deutschland von seinen wirtschaftlichen Leiden zu befreien. Haben wir 2005 mehr zu er hoffen?

Sinn: Wir erwarten derzeit für das kommende Jahr ebenfalls ein Wachstum von 1,7 Prozent. Das ist aber ein Anstieg, weil in diesem Jahr allein die größere Zahl an Arbeitstagen 0.5 Prozentpunkte beiträgt.

 

Frage: Der deutsche Export boomt. Doch die deutsche Wirtschaft insgesamt bleibt schwach. Wann kommt die Binnenwirtschaft in Schwung?

Sinn: Vorläufig leider nicht. Wir sind wegen unserer inneren Probleme ziemlich abgekoppelt. Die Menschen sind durch die wachsende Arbeitslosigkeit ziemlich verunsichert. Und das Arbeitsplatzrisiko veranlasst sie zur Vorsicht bei Ihren Ausgaben. Es fehlt an Vertrauen in die Zukunft.

 

Frage: Nun soll die Agenda 2010 die Binnenwirtschaft durch Strukturreformen wieder ankurbeln. Glauben Sie daran?

Sinn: Ja, aber nicht in diesem Aufschwung. Das dauert länger. Die strukturellen Verbesserungen wirken langsam, dafür aber nachhaltig. So wird die Kürzung der Arbeitslosenhilfe die Erwerbslosen veranlassen, ihre Lohnansprüche zu senken, und zu niedrigeren Löhnen werden mehr Stollen geschaffen. Wir rechnen da durch mittelfristig mit bis zu 300 000 neuen Arbeitsplätzen. Die Agenda 2010 hat gute Elemente, sie hat aber auch Kritikwürdiges und sie geht nicht weit genug.

Frage: Inwiefern?

Sinn: Dass beim Arbeitslosengeld II die Hinzuverdienstmöglichkeit für sehr geringe Einkommen verbessert wurde, war gut. Nicht gut war, dass der Regelsatz des Arbeitslosengelds II, den man ohne Arbeit bekommt, nicht abgesenkt wurde. Dadurch entstehen erhebliche finanzielle Lasten für den Staat, und die Hinzuverdienstmöglichkeiten müssen bei etwas höheren Einkommen umso drastischer beschränkt werden, um ein finanzielles Fiasko für die Staatskasse zu vermeiden. Vollzeit-Arbeitnehmer in den niedrigsten Lohngruppen im Bereich von 1500 bis etwa 2000 Euro werden feststellen. dass sie bei einer Halbierung ihrer Arbeitszeit fast keine Einkommenseinbußen haben. Deshalb werden sich viele teilweise aus dem Arbeitsmarkt ausklinken.

Frage: Die Menschen spüren die zunächst unvermeidlichen Belastungen, erkennen aber das Reformziel nicht. Hat die Regierung ein Vermittlungsproblem?

Sinn: Wir haben es mit einem Erklärungs- und Erkenntnisdefizit zu tun, was aber schwer zu überwinden sein dürfte. Jeder Politiker scheut sich, den Menschen ehrlicherweise zu sagen. dass sie weniger Lohnersatzleistungen bekommen werden, um bereit zu sein, auch zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten, weil nur dann neue Stellen geschaffen werden. Also wird auf Ersatzargumente ausgewichen, die keiner so richtig glauben kann, die aber doch auch keinen Aufruhr erzeugen. Besser wäre es. Wir würden eine ehrliche Debatte führen und auf die harten ökonomischen Gesetze verweisen, die leider nicht zu ändern sind. Auf die Dauer vertragen die Menschen die Wahrheit besser als die ewigen Lügen.

Frage: Die Wirtschaft marschiert in Richtung Arbeitszeiterhöhung bei gleichem. Lohn. Macht eine Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden die Jobs in Deutschland international konkurrenzfähiger?

Sinn: Ja, denn das bedeutet eine fünfprozentige Reduzierung der Lohnkosten pro Stunde. Ferner entsteht auch ein Wachstumsschwung, der die Nachfrage erhöht.

Frage: Sichern längere Arbeitszeiten eher bestehende Arbeitsplätze oder schaffen sie auch neue?

Sinn: Das weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, wie sich der weltweite Wettbewerb über die nächsten Jahre verändern wird. Wenn die äußeren Verhältnisse so blieben wie sie sind, könnten wir nach etwa einem Jahrzehnt mit einer Halbierung der Arbeitslosenquote rechnen. Wenn auf breiter Front die Arbeitszeit auf 42 Wochenstunden ohne Lohnausgleich erhöht wird, würde die Arbeitslosigkeit unter sonst gleichen Bedingungen sogar weitgehend verschwinden. Leider bleiben die Bedingungen aber nicht so, wie sie sind. Ich befürchte, dass die notwendigen Anpassungen viel größer sein werden, weil der Wind des Wettbewerbs immer stärker wird. Wir werden vermutlich zusätzlich auf die gewohnten Lohnsteigerungen verzichten müssen.

Frage: Nun geht die Wirtschaft ja nicht geschlossen in Richtung verlängerter Arbeitszeit. Einige Unternehmen wollen in die Gegenrichtung. Wie passt das zusammen?

Sinn: Die Arbeitzeitverkürzung ist die Implikation der Hochlohnpolitik vergangener Jahrzehnte. Es geht dabei nur darum, die Vernichtung von Arbeitplätzen gleichmäßig umzulegen. Das führt zu gar nichts. Wir müssen wesentlich mehr arbeiten, weil das Sozialprodukt dann wächst und weil niedrigere Stundenlöhne außerdem mehr Arbeitsplätze entstehen lassen oder zumindest den Abbau verlangsamen.

Frage:Brauchen wir nicht mehr Flexibilität entsprechend der Auftragslage?

Sinn: Das Flexibilitätsargument klingt gut, ich halte es aber für wenig zielführend. Es kommt im Gegenteil darauf an, dass die Arbeitszeiten auf breiter Front erweitert werden, damit die Ausweitung der Arbeitszeit der einzelnen Firma auf eine zusätzliche Nachfrage nach ihren Produkten trifft. Eine Firma, die länger arbeiten lässt, produziert mehr und fragt zugleich mehr Leistungen und Produkte anderer Firmen nach. Jeder Verkaufserlös wird ja anderswo Nachfrage. Nur wenn die Arbeitszeit im Gleichschritt ausgeweitet wird, haben alle die zusätzliche Nach frage, die sie brauchen, um ihre Mehrproduktion auch abzusetzen. Prescht jemand bei der Arbeitszeitverlängerung vor, so läuft er Gefahr, wegen des fehlenden Absatzes die Stellenzahl verringern zu müssen.

Frage:Würde eine günstigere wirtschaftliche Situation die Durchsetzung von Reformen erleichtern?

Sinn: Theoretisch ja, praktisch nein. Nur aus dem Leidensdruck heraus haben Reformen Chancen. Bei ausreichendem Wirtschaftswachstum erlischt der Reformwille sofort.

Frage: Sie glauben aber, dass wir die schwierigen Zeiten - bis die Reformen wirken - gut überstehen werden?

Sinn: Die eingeschlagene Richtung stimmt. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht der Meinung, dass die Reformen reichen. Sollte es nur bei den beabsichtigten und zum Teil schon in Angriff genommenen Reformen bleiben, dann wird sich das deutsche Siechtum nur ein bisschen abmildern. Eine Kehrtwende zu mehr Wachstum kommt damit noch lange nicht zustande.

 

Interview: Dieter W. Heumann

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