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"Das Dilemma der Globalisierung"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Welt am Sonntag, 28.03.2003, 3

Ifo-Chef Sinn:

WELT am SONNTAG: Professor Sinn, ist die Globalisierung ein Fluch oder ein Segen?

Hans-Werner Sinn: Weder noch. Die Globalisierung bringt grundsätzlich Vorteile für alle beteiligten Länder, weil sie die Arbeitsteilung verbessert. Aber leider werden nicht alle Deutschen davon profitieren. Das ist das große Dilemma der Globalisierung.

WamS: Wer gewinnt, wer verliert?

Sinn: Die Gewinner sind die Kapitaleigner, die Verlierer die einfachen Arbeiter. Leute mit guter Ausbildung könnten auch bei uns zu den Gewinnern gehören. Wir müssen aber dem Lohndruck nachgeben. Geschieht das nicht, dann entsteht immer mehr Arbeitslosigkeit, und es gibt irgendwann auch keine Vorteile für die Deutschen mehr. Dann geht alles zu Ende.

WamS: Wie müssen wir uns für die Globalisierung wappnen?

Sinn: Wir brauchen Öffnungsklauseln für die Tarifverträge und weniger Marktmacht für die Gewerkschaften. Sie machen in dieser historischen Phase alles kaputt, wenn wir nicht aufpassen. Ferner brauchen wir einen neuen Sozialstaat, der die Löhne am unteren Ende der Lohnskala durch Zuzahlungen ergänzt.

WamS: Stichwort Patriotismus: Haben Unternehmen eine Verpflichtung dem heimischen Standort gegenüber?

Sinn: Natürlich! Man muss erwarten, dass ein deutsches Unternehmen sein Kapital nicht ohne Not in Niedriglohnländer verlagert. Indes sind die deutschen Unternehmen wegen der immer schärfer werdenden Konkurrenz heute in großer Not. Sie können ihre Stellung auf den Weltmärkten in der Konkurrenz mit den Asiaten und Amerikanern nur noch halten, wenn sie sich des deutschen Lohnkostendrucks durch sukzessive Produktionsverlagerungen nach Osteuropa erwehren.

WamS: Kann die deutsche Wirtschaft davon profitieren?

Sinn: Der deutschen Wirtschaft hilft es sehr, wenn sie den hiesigen Lohnkosten ausweichen kann. Die Unternehmen gehen ja in aller Regel nicht zur Gänze ins Ausland, sondern verlagern nur die arbeitsintensiven Teile der Vorproduktkette dorthin. Sicher, ohne die Möglichkeit nach Osteuropa zu gehen, gingen noch viel mehr Unternehmen in Konkurs, und dann wäre die Lage auch für die deutschen Arbeitnehmer noch schlimmer. Besser wäre es freilich, wenn wir flexible Arbeitsmärkte hätten, Leider haben wir diese Selbststeuerungsmöglichkeit des Marktes völlig kaputt gemacht.

Die Fragen stellte Cornelia Schmergal

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