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"Eile tut Not"

Interview mit Hans-Werner Sinn, DER SPIEGEL, 09.02.2004, 78

Der Ökonom und Chef des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn, 55, über Risiken für den Euro durch die anhaltende Dollar-Schwäche und die Gefahren der EU-Osterweiterung

SPIEGEL: Herr Sinn, der starke Euro alarmiert zurzeit Banker, Politiker und Unternehmen. Bei welchem Euro-Dollar-Verhältnis wäre für die deutsche Wirtschaft die Schmerzgrenze erreicht?

Sinn: Wenn der Euro 1,30 Dollar wert ist. Das hat auch die überwiegende Mehrzahl der von uns befragten Unternehmen erklärt. Und es kann leicht passieren, dass der Euro diese Grenze überschreitet, auch wenn der Dollar in den vergangenen Tagen wieder etwas Boden gutgemacht hat.

SPIEGEL: Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) reagieren?

Sinn: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat schon interveniert, indem er vor "brutalen" Wechselkursbewegungen gewarnt hat. Das hat die Märkte etwas beruhigt. Ob es reicht, werden wir sehen.

SPIEGEL: Was würden Sie der EZB raten?

Sinn: Wenn es nötig wird, hat sie zwei Möglichkeiten, den Kursauftrieb des Euro zu bremsen. Zum einen könnte sie die Zinsen senken. Damit würden europäische Geldanlagen im Vergleich zu amerikanischen etwas unattraktiver. Doch das empfiehlt sich in der gegenwärtigen Situation nicht. Immerhin zieht die europäische Wirtschaft an, da wären mittelfristig eher Zinserhöhungen angezeigt. Bleiben also nur Interventionen am Devisenmarkt. Die EZB muss, wenn der Dollar weiter schwächelt, Euro gegen Dollar verkaufen.

SPIEGEL: Sollten Europas Währungshüter allein oder eher mit ihren amerikanischen Kollegen eingreifen?

Sinn: Sie sollten den Alleingang nicht scheuen. Eine Notenbank, die abwerten will, kann sich durchaus allein gegen die Marktkräfte stemmen. Sie benötigt dafür nur die Währung, die sie selbst herstellt. Viele halten das angesichts der gigantischen Mengen, die am Devisenmarkt täglich gehandelt werden, für schwierig. Aber diese Mengen geben ein falsches Bild, denn die Käufe und Verkäufe heben sich in ihrer Wirkung sofort wieder auf. Will die EZB den Euro-Kurs beeinflussen, muss sie Dollar dauerhaft vom Markt nehmen und stattdessen dauerhaft Euro zur Verfügung stellen. So lassen sich mit überschaubaren Mengen die Kurse nachhaltig bewegen.

SPIEGEL: Wie hoch wäre der Einsatz?

Sinn: Berechnungen amerikanischer Wissenschaftler zu Grunde gelegt, müsste die EZB 30 Milliarden Dollar aufkaufen, um den Wechselkurs des Euro nachhaltig um zehn Cent zu senken.

SPIEGEL: In einem Gutachten Ihres Ifo-Instituts, das nächste Woche vorgestellt wird, warnen Sie, dass es im Gefolge der Osterweiterung zu einer weiteren Gefahr für den Euro kommen konnte. Woher rührt die?

Sinn: Noch in diesem Jahr werden alle Beitrittsländer ihre Währungen eng an den Euro koppeln. Es wird ein neues Europäisches Währungssystem, das EWS II, entstehen, bei dem die Währungen der Beitrittsländer in Bandbreiten um den Euro schwanken. Das Risiko von Währungskrisen ist dann nicht von der Hand zu weisen, wenn die Währungen zu lange mit vorgegebenen Paritäten in Warteposition gehalten werden. Deswegen bin ich für einen sehr raschen Beitritt dieser Länder auch zur Währungsunion nach der vorgesehenen Mindestfrist von zwei Jahren.

SPIEGEL: Was ist gefährlich daran, wenn es länger dauert?

Sinn: Solche Wechselkurs-Arrangements sind, wenn der Beitritt zum Euro-Raum noch in weiter Ferne liegt, eine Einladung für Spekulanten, ständig die Bereitschaft der Notenbanken auszutesten, ihre Währungen zu verteidigen und - wenn alles in ihrem Sinne läuft - sich auf Kosten der Zentralbanken zu bereichern.

SPIEGEL: Wie funktioniert das?

Sinn: Angenommen, der slowenische Tolar gerät unter Abwertungsverdacht. Ein Spekulant nimmt nun einen Tolar-Kredit auf und tauscht die Tolar sofort in Euro. Ist der Kredit groß genug oder schließen sich andere Spekulanten an, kommt der Tolar tatsächlich unter Druck. Die slowenische Zentralbank müsste mit ihren Devisenreserven dagegenhalten. Das ist aber nur begrenzt möglich. Irgendwann, so kalkulieren die Spekulanten, wird die Währung doch abgewertet. Dann machen sie ein Geschäft, wenn sie den entwerteten Kredit zurückzahlen. Sie brauchen dafür weniger Euro, als sie bekommen haben.

SPIEGEL: Nach diesem Muster entwickelte sich Ende der neunziger Jahre die Asienkrise, die Großspekulanten wie George Soros anlockte, der sich dort eine Währung nach der anderen vornahm. Halten Sie solche Turbulenzen auch in Europa für möglich?

Sinn: Möglich ist das allemal. Deswegen tut Eile Not. Der feste Beitrittszeitpunkt, verbunden mit einer offenen Unterstützung der EZB, wird die Spekulanten in Schach halten. Die Länder Südostasiens hatten ihre Währungen einseitig an den Dollar gekoppelt. Als sie in Schwierigkeiten gerieten, konnten sie auf keinen Beistand aus Washington hoffen.

SPIEGEL: In Europa wäre das anders?

Sinn: Würden die Währungen der Beitrittsländer, die sich dem EWS II angeschlossen haben, von Spekulanten attackiert, müsste auch die EZB die Wechselkurse verteidigen. Das könnte manchen Renditejäger abschrecken.

SPIEGEL: Auf das alte EWS gab es dennoch immer wieder erfolgreiche Attacken.

Sinn: Stimmt, Anfang der Neunziger spekulierte Herr Soros gegen das britische Pfund - und machte einen Gewinn von einer Milliarde Dollar. Deshalb sollte die Übergangsphase nicht zu lange dauern.

INTERVIEW: CHRISTIAN REIERMANN

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