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"Paris zur Raison bringen"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, 38

Hans-Werner Sinn über nationale Champions

Herr Sinn, braucht die deutsche Wirtschaft "nationale Champions", also dominierende Unternehmen, die eventuell vom Staat unterstützt werden?

Die Frage läßt sich nicht allgemein beantworten. Die beste Lösung wäre eine europäische Fusionskontrolle nach Art des deutschen Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Wenn dies aber nicht möglich ist und die Franzosen weiterhin mit Staatshilfe "nationale Champions" aufbauen, dann brauchen auch wir sie. Das wäre aber nur die zweitbeste Lösung.

Beginnen wir mit der besten Lösung. Welche Vorteile brächte eine europäische Fusionskontrolle nach deutschem Muster?

Dadurch würden mittelständische Strukturen erzeugt, die am ehesten Europa zur Blüte führen können.

Woran scheitert das?

Unsere Fusionskontrolle beruht auf dem deutschen Ordoliberalismus, der klare Spielregeln für die Marktwirtschaft gefordert hat, und auch auf dem Einfluß der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg.

Warum läßt sich das deutsche Modell eigentlich so schlecht exportieren?

Weil Europa politisch nicht handlungsfähig ist. Im Moment ist die Europäische Union von einer ganz anderen Idee geprägt. Sie versteht unter Wettbewerb vor allem auch die Genehmigung grenzüberschreitender Fusionen. Solche Fusionen widersprechen den Ideen des Ordoliberalismus: Wettbewerbspolitik heißt nicht, Fusionen zu erlauben, sondern sie zu verhindern.

Kommen wir zur zweitbesten Lösung:. Was sind ihre Nachteile der nationalen Champions?

Die Märkte werden vermachtet. Die Champions können die Preise hochtreiben, um die Konsumenten auszubeuten.

Warum soll es uns eigentlich interessieren, wenn die Franzosen das machen?

Weil sie dann zum Schluss auch deutsche Konsumenten ausbeuten könnten. Die Frage , an der sich in Deutschland die Geister scheiden, lautet: Was machen wir, wenn die Franzosen ihre Politik der "nationalen Champions" weiter forcieren?

Und wie lautet die Antwort?

Starke Kräfte um die Monopolkommission sagen: Deutschland solle auch dann kleinteilig bleiben, wenn die Franzosen ihre Großkonzerne zimmern. Die Pariser Konzerne kämen den Staat teuer zu stehen und seien nicht von Bestand.

Sie teilen diese Ansicht nicht?

Nein. Wenn andere Länder versuchen, in sensiblen Branchen nationale Champions mit Staatshilfe aufzubauen, dann müssen wir uns wehren.

An welche Branchen denken Sie dabei?

Wir könnten zum Beispiel nicht zulassen, daß das französische Staatsunternehmen EDF den deutschen Strommarkt aufrollt. Hier geht es um Schicksalsfragen der Nation.

Und was ist mit den Banken?

Auch das Bankwesen hat eine Schlüsselfunktion. Die Macht der Deutschen Bank darf man nicht in fremde Hände geben. Aber ich betone noch einmal, daß es am besten wäre, in Europa wettbewerbliche Strukturen einzuführen, anstatt nationale Champions zu fördern. Man muss die Franzosen zur Raison bringen.

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