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"Abwanderung kostet Wachstum"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Handelsblatt 13.02.2003, 7

NACHGEFRAGT: HANS-WERNER SINN

Herr Professor Sinn, wie groß ist das Problem des "Brain Drains" für Deutschland?

Es ist glücklicherweise nicht ganz so groß wie in Frankreich, Großbritannien und Belgien. Dort bezahlen die Universitäten Hochschulprofessoren noch schlechter bezahlen als wir. Die Folge ist ein Absetzbewegung: Junge Leute, die zum Studieren nach Amerika gehen, kommen nicht zurück. Aber auch Deutschland ist nicht wettbewerbsfähig. Ich habe mehrfach versucht, Deutsche aus Amerika zurück nach München zu holen - das ist meistens schief gegangen, weil wir nicht genug bieten konnten. Ich kenne auch aus meinem Umfeld eine ganze Reihe von ganz ausgezeichneten jungen Leuten, die jetzt in Amerika sind.

Welche ökonomischen Konsequenzen hat das für Europa?

Europa bleibt technologisch hinter den USA zurück und hat weniger Wirtschaftswachstum. In Amerika war der Anstieg der Arbeitsproduktivität in den neunziger Jahren auf drei Dinge zurückzuführen: Jeweils ein Drittel entfiel auf die höhere Kapitalintensivierung, auf echten technischen Fortschritt durch die IT-Revolution in allen Bereichen der Wirtschaft und auf das Wachstum der IT-Branche selbst. Das heißt: Zwei Drittel des Produktivitätswachstums haben mit IT zu tun. Hier geht es um technologische Spitzenforschung, die ganz eindeutig an den amerikanischen Universitäten schneller vorangeht als in Europa.

Wie könnte Europa aufholen?

Durch eine Privatisierung von Hochschulen oder mindestens die Einrichtung wettbewerblicher Strukturen. Die einzelnen Universitäten brauchen mehr Spielraum, um sich voneinander abzuheben. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass alle Universitäten gleich gut sein müssen.

Die Folge wären Studiengebühren. Bleiben da nicht junge Leute aus unteren Einkommensschichten auf der Strecke?

Nicht unbedingt. Die öffentliche Hand könnte einen Teil der Mittel, die sie für Hochschulen zu Verfügung hat, in der Form von Gutscheinen in die Hände der Studenten geben, die sich damit die Hochschule aussuchen. Dann würde Wettbewerb zwischen den Hochschulen herstellt und man könnte trotzdem die sozialen Ziele erreichen.

Das Gespräch führte Olaf Storbeck

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