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Die vergessene Mark im Osten

Interview mit Hans-Werner Sinn, FOCUS, 13.11.2000, 334

Ifo-Präsident Sinn macht Mark-Verkäufe in Osteuropa für den Euro-Kurs verantwortlich und prophezeit der Währung eine glücklichere Zukunft


FOCUS: Der Euro verliert ständig an Wert. Müssen wir uns Sorgen um unsere Währung machen?

Sinn: Viele Europäer unterliegen einer optischen Täuschung, weil sie so stark auf den Euro-Einführungskurs von 1,18 Dollar schauen und nur die vergangenen zwei Jahre betrachten. Auch der Kurs der Mark war zeitweise außerordentlich instabil. Im Februar 1985 war eine Mark zum Beispiel nur 29 US-Cent wert. Auf einen Euro umgerechnet wären das 56 US-Cent. Solange der Euro also über 56 US-Cent liegt, ist die neue Währung nicht schwächer als früher schon einmal die Mark.

FOCUS: Warum aber kennt der Euro-Kurs nur eine Richtung - nach unten?

Sinn: Die Gründe dafür liegen außerhalb Deutschlands. Im Ausland, vor allem in Osteuropa, sind zwischen 60 und 80 Milliarden Mark in Umlauf. Das entspricht immerhin einem Viertel der gesamten deutschen Bargeldmenge. Die Ausländer wissen zwar, dass die Mark abgeschafft und im Jahr 2002 wertlos wird. Sie wissen aber nicht genau, zu welchem Kurs und wie sie ihre Mark umtauschen können. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Menschen in Osteuropa, aber auch in der Türkei, ihre Mark jetzt in Währungen tauschen, die auch nach 2002 noch existieren - also in US-Dollar oder Pfund. Dieser Effekt erklärt größtenteils den schwachen Euro.

FOCUS: Wie lässt sich diese Wechselwelle stoppen?

Sinn: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss jetzt für den Euro werben und Vertrauen in einen sicheren Umtausch aufbauen. Das hat sie bisher offensichtlich versäumt. Denn natürlich wechseln auch die Banken in Osteuropa später Mark in Euro. Wir reden hier über den Kurs einer Währung, die es zwar als Verrechnungseinheit schon gibt, die man aber nicht anfassen kann. Dass der Euro bereits existiert, wissen ja - überspitzt formuliert - nur Banker und Volkswirte. Den Druck aus Osteuropa hätten wir leicht vermeiden können, wenn wir den Euro in einem Schritt gleich zum 1. Januar 1999 eingeführt hätten. Die Drei-Jahres-Phase zwischen dem angekündigten Tod der alten und der Geburt der neuen Währung war ein Fehler.

FOCUS: Wie teuer müssen wir für diesen Geburtsfehler jetzt bezahlen?

Sinn: Der Zentralbank bleibt nichts anderes übrig, als die zurückdrängenden Mark-Bestände aus Osteuropa jetzt wieder aufzukaufen. Sonst kommt es zu einem weiteren Kursverfall. Der wird erst stoppen, wenn das neue Geld real in Umlauf ist.

FOCUS: Wie geschickt agieren die Notenbanker bisher?

Sinn: EZB-Chef Wim Duisenberg macht seine Sache gut. Seine Zinspolitik mit maßvollen Anhebungen war umsichtig und würgte die Konjunktur nicht ab. Es ist abwegig, ihm wegen des Kursverlusts des Euro einen Vorwurf zu machen. Die Umtauschwelle aus Osteuropa hat nicht er zu verantworten, sondern die Regierungschefs der beteiligten Länder, die die verzögerte Euro-Einführung beschlossen haben. Vielleicht haben die Währungshüter aber zu spät begriffen, dass sie entschlossen intervenieren müssen, um den Euro zu stabilisieren.

FOCUS: Wenn der Euro 2002 real im Portemonnaie steckt, fällt der Wechseldruck aus dem Ausland weg. Verbessern sich dann die Kursaussichten?

Sinn: Der Abwärtstrend des Euro wird sich umkehren, da das Vertrauen in die neue Währung wächst. Es ist aber denkbar, dass die Position, die sich die Mark als Zweitwährung im Ausland erarbeitet hat, jetzt dauerhaft an den Dollar verloren geht. Langfristig - damit meine ich in den nächsten 20 Jahren - spricht viel dafür, dass der Euro mindestens ebenso stark wird wie der Dollar. Von der Bevölkerung her bildet Euro-Land einen ähnlich großen Wirtschaftsraum wie die Vereinigten Staaten. Und beim Exportvolumen überflügeln die Euro-Länder die USA bereits heute.

FOCUS: Wie stark hilft den Exporteuren denn der schwache Euro?

Sinn: Wir schätzen, dass der niedrige Wechselkurs den deutschen Exporteuren zusätzliche Aufträge in Höhe von 40 Milliarden Mark beschert, da zum Beispiel die Amerikaner in Euro-Land mit ihrem harten Dollar günstig einkaufen können. Diese Summe entspricht in etwa dem Betrag, den die Haushalte für ihre gestiegene Ölrechnung ausgeben müssen. Der Effekt hebt sich also ungefähr auf.

FOCUS: Manche Analysten argumentieren, die Stärke der US-Wirtschaft sei für die Schwäche der neuen Währung verantwortlich...

Sinn: Dieser Zusammenhang ist mehr als fragwürdig. Hohe Ertragserwartungen in den USA müssen sich nicht in einem hohen Dollar-Kurs äußern. Wenn die Gewinnaussichten prächtig sind, kaufen die Anleger Aktien, und das spiegelt sich in hohen Börsenkursen wider. Worauf es wirklich ankommt, ist die Frage, wie viel Bargeld die internationalen Investoren halten wollen.

FOCUS: Welche Rolle spielen dabei Devisenspekulanten?

Sinn: In der Summe eine große. Aber der einzelne Spekulant kann den Kurs des Euro trotzdem nicht gezielt beeinflussen. Selbst George Soros (ungarischer Großinvestor, der 1992 das Britische Pfund aus dem EWS kippte, d. Red.) nicht. Dazu ist der Markt viel zu groß.

FOCUS: Er könnte bald noch größer werden, wenn Euro-Land zügig ausgedehnt wird.

Sinn: Wenn Großbritannien, Dänemark und Schweden beim Euro mitmachen wollen, werden wir nicht nein sagen können. Mit dem Beitritt Osteuropas sollte die Union jedoch solange warten, bis die europäische Zentralbank bewiesen hat, dass sie sich stabilen Preisen eindeutig verpflichtet fühlt.

INTERVIEW: NADJA MATTHES

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Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von FOCUS.

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