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Aktuelles Stichwort

Transatlantisches Freihandelsabkommen

Ein Freihandelsabkommen garantiert den daran beteiligten Handelspartnern Zoll- und Barrierefreiheit und dient den Vertragsparteien als rechtliche Absicherung für einen ungehinderten wirtschaftlichen Austausch. In einem umfassenden Freihandelsabkommen entfallen sowohl Zölle als auch nichttarifäre Handelshemmnisse, wie z.B. Ein- oder Ausfuhrverbote. In der aktuellen Diskussion steht die Errichtung eines transatlantischen Handelsabkommens (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP) zwischen der Europäischen Union und den USA. Die Idee eines solchen Vertrags ist nicht neu – Klaus Kinkel, ehemaliger Bundesaußenminister, schlug schon im Jahr 1995 ein solches Abkommen vor.

Sowohl die EU als auch die USA sind bereits an einer Reihe von Freihandelsabkommen beteiligt, die den Handel mit Gütern und Dienstleistungen regeln. Die USA pflegen nach Angaben der World Trade Organisation (WTO) 14 bilaterale Abkommen, von denen mehrere ganze Ländergruppen mit einbeziehen (z.B. NAFTA). Die EU unterhält insgesamt 35 bilaterale Abkommen. Weitere Abkommen, z.B. mit Japan, sind in Verhandlung. Gleichzeitig wächst das Interesse der EU-Mitgliedsländer und der USA an einer Intensivierung der transatlantischen Handelsbeziehungen, insbesondere da Schwellenländer wie China oder Indien zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Ein TTIP-Abkommen wäre in seiner Dimension unübertroffen. Es entstünde ein Freihandelsraum, der nahezu 50% der globalen Wirtschaftsleistung repräsentiert, bei nur 11,8% der Weltbevölkerung.

Freihandelsabkommen – Wirkungen auf Handel, Wohlstand und Arbeitsmarkt

Ökonometrische Schätzungen zeigen, dass durch die Schaffung einer transatlantischen Freihandelszone Handel, Umsatz und Beschäftigung zunehmen würden. Der Handel zwischen den EU-Mitgliedsländern und den USA würde um durchschnittlich 79% steigen. Dies kommt durch die Abschaffung der Zölle, die Absenkung der nicht-tarifären Marktzutrittsbarrieren, und durch private wie öffentliche Investitionen in handelskostensenkende Maßnahmen zustande. Da nach der umfassenden Liberalisierung die fixen Kosten des Marktzutritts deutlich niedriger wären, würden insbesondere exportorientierte mittelständische Unternehmen profitieren, denen erstmals der Zugang zum US-Markt ermöglicht werden würde. Auch deutliche Wohlfahrtseffekten könnten erzielt werden. Denn durch eine vollständige Liberalisierung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU würden die Preise für importierte Güter deutlich sinken und somit die Kaufkraft der Einkommen stärken. Gleichzeitig würden mehr Produkte für die Verbraucher auf den Markt kommen. Dadurch würde der Wettbewerb intensiviert, was in der Regel auch preissenkend wirkt.

Positive Auswirkungen hätte TTIP auch auf den Arbeitsmarkt. In der EU könnten 400.000 neue Arbeitsplätze entstehen, davon bis zu 110.000 allein in Deutschland. Auch in den USA würde die Beschäftigung zunehmen, ebenso in Kanada und Mexiko. Gleichzeitig stiege die durchschnittliche Produktivität, was auch zu besser bezahlten Anstellungen führen würde. In Zahlen ausgedrückt hieße das: Bei einem durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von 3.311 Euro ergäbe sich ein Anstieg um rund 268 Euro pro Monat. Insgesamt ist das Potential eines umfassenden TTIP Abkommens sehr groß. Wenn es gelingt, alle Handelsbarrieren so weit abzusenken, wie dies in anderen tiefen Abkommen gelang, dann kann das reale Einkommen in den EU-Mitgliedsländern bei einer umfassenden Liberalisierung zwischen 2,6 % und 9,7 % ansteigen, in Deutschland um 4,7 % und in den USA sogar um 13,4 %.

Nachteile einer umfassenden Liberalisierung

Von einem solchen umfassenden Freihandelsabkommen würden jedoch nicht alle Staaten profitieren. Drittstaaten, für die vom TTIP-Abkommen ausgeschlossen blieben, dürften relativ zu ihren Konkurrenten aus den TTIP Ländern in den USA und EU Marktanteile verlieren, weil ihre Produkte dann eben nicht von niedrigeren Handelskosten profitieren. Wenn die Liberalisierung zwischen den USA und der EU rein bilateral wirkt, das heißt, die Handelskosten dritter Staaten nicht beeinflusst, dann wären die Wohlfahrtseinbußen dieser Länder beträchtlich. In so einem Fall hätten die Länder, mit denen entweder die EU oder die USA bereits Freihandelsabkommen unterhalten, besonders große Wohlfahrtseinbußen zu verzeichnen, darunter z.B. Mexiko mit -7,2%, oder Kanada mit -9,5% (gemessen in Veränderung des realen Einkommens). Außerdem könnte zwischen einigen wenigen Ländern der Handel sogar vollständig zum Erliegen kommen.

Der zentrale Kritikpunkt am TTIP-Abkommen ist, dass Drittländer benachteiligt werden könnten, dies das Selbstverständnis und die Zielsetzung der Welthandelsorganisation unterlaufen und damit einen erfolgreichen Abschluss eines multilateralen Abkommens (Doha-Runde) behindern würde. Kritiker sehen darin eine Verlagerung der Wirtschaftsbeziehungen weg von multilateralen hin zu bilateralen Handelsordnungen und sprechen von „Präferenzhandelsabkommen“. Allerdings zeigt hier die empirische Forschung, dass bilaterale Abkommen die Anreize zum Abschluss von Verträgen auf multilateraler Ebene durchaus erhöhen könnten: wenn Länder wie Indien oder Brasilien auf multilateraler Ebene Zugeständnisse von den US und der EU erhalten, dann senkt dies für sie die negativen Effekte von TTIP. Gemäß dem Prinzip der WTO hätte dies zur Folge, dass diese Länder auch den westlichen Partnern einen besseren Marktzutritt gewähren müssten: Damit wäre die Welt näher an einer multilateralen Handelsliberalisierung als sie es in den vergangenen Jahren war.

Literatur

Basistexte

  1. Felbermayr, Gabriel und Mario Larch, "Das Transatlantische Freihandelsabkommen – Zehn Beobachtungen aus der Sicht der Außenhandelslehre", Wirtschaftspolitische Blätter 2, 2013, 353 – 366 | Details

  1. Felbermayr, Gabriel, Mario Larch, Lisandra Flach, Erdal Yalcin und Sebastian Benz, "Dimensionen und Auswirkungen eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA", ifo Institut, München, 2013, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, Januar 2013, Endbericht. | Details | PDF Download

  1. Felbermayr, Gabriel, Mario Larch, Lisandra Flach, Erdal Yalcin und Sebastian Benz, "Dimensions and Effects of a Transatlantic Free Trade Agreement Between the EU and US", 2013, Study commissioned by German Federal Ministry of Economics and Technology, January 2013, Executive Summary | Details | PDF Download

  1. Felbermayr, Gabriel, Mario Larch, Lisandra Flach, Erdal Yalcin, Sebastian Benz und Finn Krüger, "Dimensionen und Effekte eines transatlantischen Freihandelsabkommens", ifo Schnelldienst 66 (04), 2013, 22-31 | Details | PDF Download

Bücher und Zeitschriftenaufsätze

  1. Felbermayr, Gabriel und Erdal Yalcin, "Export Credit Guarantees and Export Performance: An Empirical Analysis for Germany", The World Economy 36 (8), 2013, 967–999 | Details

  2. Felbermayr, Gabriel, Mario Larch, Berend Diekmann und Rolf J. Langhammer, "Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft: Welche Effekte sind zu erwarten?", ifo Schnelldienst 66 (06), 2013, 03-12 | Details | PDF Download

  3. Felbermayr, Gabriel J., Benjamin Jung und Mario Larch, "Optimal Tariffs, Retaliation and the Welfare Loss from Tariff Wars in the Melitz Model", Journal of International Economics 89 (1), 2013, 13–25 | Details

  4. Gröschl, Jasmin, "Neuer Protektionismus – Gefahren für den Freihandel ", ifo Schnelldienst 65 (15), 2012, 35-39 | Details | PDF Download

  5. Felbermayr, Gabriel, Benjamin Jung und Mario Larch, "Tariffs and Welfare in New Trade Theory Models", Working Papers in Economics and Finance No. 41, University of Tübingen, Tübingen, 2012, Download | Details

  6. Felbermayr, Gabriel und Benjamin Jung, "Unilateral Trade Liberalization in the Melitz Model: A Note", Economics Bulletin 32 (2), 2012, 1724-1730 | Details

  7. Felbermayr, Gabriel und Benjamin Jung, "Unilateral Trade Liberalization in the Melitz Model: A Note", University of Tübingen Working Papers in Economics and Finance No. 30, 2012, Download | Details

  8. Felbermayr, Gabriel, Inga Heiland und Erdal Yalcin, "Beschäftigungseffekte der Exportkreditgarantien der Bundesrepublik Deutschland »Hermesdeckungen«", ifo Schnelldienst 65 (01), 2012, 20-30 | Details | PDF Download

  9. Yalcin, Erdal und Kilian Zacher, "Zur Lage der deutschen Exporte", ifo Schnelldienst 64 (21), 2011, 17-25 | Details | PDF Download

  10. Felbermayr, Gabriel J., Benjamin Jung und Mario Larch, "Optimal Tariffs, Retaliation and the Welfare Loss from Tariff Wars in the Melitz Model", CESifo Working Paper No. 3474, May 2011 | Details | PDF Download

  11. Felbermayr, Gabriel und Wilhelm Kohler, "Modeling the Extensive Margin of World Trade: New Evidence on GATT and WTO Membership", World Economy 33 (11), 2010, 1430–1469 | Details


Short URL: www.ifo.de/de/w/39pivGo3P