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Aktuelles Stichwort Kreditklemme

Die aktuelle Finanzkrise hat die Kreditvergabe deutscher Banken an Unternehmen stark geprägt.


Aktuelles Stichwort: "Kreditklemme"
Interview mit Klaus Abberger (in German)
28.10.2010


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Die aktuelle Finanzkrise hat die Kreditvergabe deutscher Banken an Unternehmen  stark geprägt. Während das Volumen ausstehender Kredite Ende 2008 noch mit zweistelligen Zuwachsraten expandierte, war es ein Jahr später bereits rückläufig und erreichte im Dezember 2009 mit einer Veränderungsrate von –4,7 % gegenüber dem Vorjahr ein historisches Tief. Auch die durchschnittlichen Kreditzinsen für ausstehende Kredite gingen spürbar von 5,6 % im Oktober 2008 auf 3,9 % im Dezember 2009 zurück. Allerdings senkte die Europäische Zentralbank im selben Zeitraum die maßgeblichen Kosten für die Refinanzierung der Kredite (den sog. Hauptrefinanzierungssatz) von 4,25 % auf 1,0 %. Das macht deutlich, dass die Banken bislang nur knapp die Hälfte der Zinssenkungen an die Unternehmen weitergaben. Diese Entwicklung hat in der Öffentlichkeit die Diskussion ausgelöst, ob sich die deutsche Volkswirtschaft in einer „Kreditklemme“ befindet.

Im Kern geht es bei der „Kreditklemme“ um einen Engpass in der Versorgung der Unternehmen mit Krediten. Aber das allein macht noch keine Kreditklemme aus. Welche Voraussetzungen zusätzlich vorliegen müssen, wird unterschiedlich beantwortet. So liegt aus Sicht der Bundesbank eine Kreditklemme dann vor, wenn das Kreditangebot der Banken so stark eingeschränkt wird, dass durch diese Einschränkung ein maßgebliches konjunkturelles Risiko begründet wird (vgl. Deutsche Bundesbank, 2009, S.22). Bernanke und Lown (1991, S. 207) sehen ebenfalls eine Kreditklemme, wenn das Kreditangebot spürbar eingeschränkt wird, verneinen eine Kreditklemme aber, wenn dies die Folge einer Änderung der Risikoeinschätzung der Kreditnehmer (bspw. ein erhöhtes Kreditausfallrisiko) ist. Sinn (2010, Kap. 10) definiert eine Kreditklemme als eine Situation, bei der die Marktzinsen von den Zinsen der Zentralbank wegdriften, weil die Banken die von der Zentralbank bereitgestellte Liquidität mangels Eigenkapital (Solvenzkrise) nicht in vollem Umfang an die Kreditnehmer weiterleiten können. Sie erweisen sich insofern also als Nadelöhr bei der Kreditversorgung.

Die Schwierigkeit bei der Identifikation einer Kreditklemme liegt darin, dass nicht jeder Rückgang der Kreditvergabeaktivität der Banken eine Kreditklemme ist, denn statt des eingeschränkten Angebots kann auch die nachlassende Nachfrage zum Rückgang der Kreditvergabe führen. Das ist normalerweise im wirtschaftlichen Abschwung der Fall, wenn Unternehmen aufgrund mangelnder Aufträge geplante kreditfinanzierte Investitionen aufschieben oder ganz unterlassen.

In der jetzigen Krise traten zwei Ursachen für eine Kreditklemme hervor. Zum einen brach der Interbankenmarkt aufgrund einer Vertrauenskrise nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 zusammen. Am Interbankenmarkt handeln normalerweise Banken untereinander Liquidität in Form von kurzfristigen Krediten (z.B. Tagesgeld oder Dreimonatsgeld). Diese Liquidität ist ein wichtiger Bestandteil der Refinanzierung der Kredite, die die Banken an die Privatwirtschaft vergeben. Zum anderen kam es bei den Banken zu hohen Eigenkapitalverlusten, die sich in Folge der Abschreibungen toxischer Wertpapiere US-amerikanischer Provenienz ergaben. Da nach den Baseler Eigenkapitalvorschriften das Eigenkapital einer Bank einen fest vorgegeben Anteil der Aktiva nicht unterschreiten darf, waren die Banken gezwungen, ihr Bilanzvolumen (bspw. durch Rückführung der Kreditvergabeaktivität) zu vermindern (sog. „deleveraging“).

In der Praxis werden zur Ermittlung einer Kreditklemme häufig unterschiedliche Indikatoren herangezogen, die aus Umfragen unter Banken und Unternehmen gewonnen werden. So geben zum Beispiel im Rahmen des Bank Lending Surveys der Deutschen Bundesbank Kreditmanager führender Banken vier Mal im Jahr ihre Einschätzung der Kreditentwicklung im abgelaufenen Quartal sowie einen Ausblick auf das laufende Quartal ab. Dabei werden sie nach der Veränderung der Kreditrichtlinien ihrer Bank für die Gewährung von Krediten an Unternehmen und Haushalten und auch nach ihrer Einschätzung der Entwicklung der Kreditnachfrage befragt. In der aktuellen Krise stieg bspw. der Anteil der Banken, die eine Verschärfung der Kreditbedingungen gegenüber den vergangenen Monaten angaben, deutlich an.

Regelmäßige Unternehmensbefragungen führt das ifo Institut durch. Die Ergebnisse werden als ifo Kredithürde veröffentlicht. Dabei werden im Rahmen des ifo Konjunkturtests monatlich ca. 4.000 Unternehmensmeldungen aus dem verarbeitenden Gewerbe, dem Bauhauptgewerbe, dem Großhandel und dem Einzelhandel nach Urteil über die derzeitige Bereitschaft der Banken, Kredite an Unternehmen zu vergeben, ausgewertet. Die möglichen Antworten sind: „entgegenkommend“, „normal“; „restriktiv“. Die Kredithürde gibt den Anteil der Unternehmen an, die die Kreditvergabe als restriktiv empfinden. Die Ergebnisse werden gesamt und nach Unternehmensgröße publiziert. Die Einteilung in Unternehmensgrößenklassen basiert auf den Empfehlungen der Kommission der Europäischen Union. Im Krisenjahr 2009 war die Kredithürde bei den Großunternehmen deutlich über 50% angestiegen, und bei den kleineren und mittleren Unternehmen stieg sie auf über 40% an.

Noch direkter kann man die Kreditklemme nach der Definition des ifo Instituts erkennen, wenn man die Differenz zwischen Zinsen für Ausleihungen der Banken und den Zentralbankzinsen zu Rate zieht. Diese Differenz war während der Finanzkrise sowohl in den USA als auch in Europa auf extreme Werte angestiegen. In der Tat verpuffte ein Großteil der Niedrigzinspolitik der Zentralbank wegen der riesigen Eigenkapitalverluste der Banken.

Literatur

Bernanke, Ben S. und Cara S. Lown (1991), The Credit Crunch, in: Brookings Papers on Economic Activity, Jg. 1991, Nr. 2, S. 205 – 247.

Deutsche Bundesbank (2009), Die Entwicklung der Kredite an den privaten Sektor in Deutschland während der globalen Finanzkrise, in: Monatsbericht September 2009, S. 17 – 36.

Sinn, Hans-Werner (2010), Casino Capitalism, erscheint bei: Oxford University Press.